Leben mit dem sozialen und chemischen Wandel: Notizen aus dem Mitteldeutschen Chemiedreieck

Chemie im Wandel

Wie ist es eigentlich ‘strukturell bzw. gerecht gewandelt’ zu werden?

Foto: Jürgen Höpfel

Im Herzen meines Forschungsprojetks liegen zwei miteinander verbundene Forschungsfragen: Wie navigieren Menschen ihren Alltag in einer chemisch geprägten Lebenswelt? Und wie wird der gegenwärtige strukturelle Wandel als Teil der Just Transition im Spannungsfeld von industrieller Vergangenheit, unsichtbaren Risiken und neuen Zukunftsversprechen erlebt und bewertet – kurz gesagt: Wie ist es eigentlich ‘strukturell bzw. gerecht gewandelt’ zu werden? Anhand dieser Fragen untersuche ich, wie sich das Leben mit und im Wandel konkret anfühlt – jenseits technischer, planerischer oder rein politischer Perspektiven.

Ausgangspunkt der Arbeit ist Bitterfeld-Wolfen, ein Ort, an dem chemisch-industrielle Vergangenheit, post-sozialistische Gegenwart und ambitionierte Visionen einer nachhaltigen und profitablen Zukunft besonders dicht übereinanderliegen. Ich verstehe den Ort somit als sozio-räumliches Palimpsest: als Gefüge bestehend aus den mentalen und materiellen Hinterlassenschaften der Chemieindustrie, verkörperten Wissensbeständen, biografischen Erfahrungen, atmosphärischen Eindrücken und wiederkehrenden Transformationsversprechen. Der gegenwärtige Wandel erscheint hier nicht als klar begrenztes Projekt, sondern als historisch sedimentierter, affektiv aufgeladener und alltäglich erfahrener Prozess.

Theoretisch verbindet das Projekt lebensweltliche und phänomenologische Ansätze mit Affekt- und Atmosphärenforschung sowie Arbeiten zu toxischer Materialität, verkörpertem Wissen und industriellem Erbe als lebendiges Wechselspiel aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Orten, ihren Menschen und ihrer (chemischen) Industrie. Diese Perspektiven ermöglichen es, die feinen Wechselwirkungen zwischen Körpern, Stoffen, Erinnerungen und Zukunftserwartungen sichtbar zu machen. Besonderes Augenmerk gilt dabei den emotionalen und materiellen Halbwertszeiten der Spuren vergangener Umbrüche – etwa der Nachwendezeit oder den verblassten industriellen Utopien des real existierenden Sozialismus – und ihrer Bedeutung für die aktuelle Just Transition im Mitteldeutschen Chemiedreieck.

Methodisch folgt die Dissertation einem ethnographischen Zugang. Wiederholte Feldaufenthalte, informelle Gespräche mit Ortsansässigen, Interviews mit Expert*innen sowie dichte Alltags- und Atmosphärenbeobachtungen bilden die empirische Grundlage der Arbeit. Erste Ergebnisse zeigen ein ambivalentes Verhältnis zur chemischen Industrie: geprägt von pragmatischer Normalisierung, lokalem Stolz und latenter Sorge. Insgesamt trägt das Projekt zu einem differenzierten Verständnis gegenwärtiger Transformationsprozesse bei, welches diese nicht nur als ökonomisch-technischen Wandel, sondern als gelebte, verkörperte und emotional verhandelte Erfahrung begreift.

Team

Jürgen Viet Anh Höpfel

Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Weiterlesen