Pädagogische Orte und (ent-)pädagogisierte Räume. Gerechte Übergänge von Kindern und Jugendlichen im regionalen Strukturwandel

Gerechte Übergänge, Bildungs- und Teilhabechancen für Kinder, Jugendliche & Erwachsene

Wie werden sozial(pädagogisch)e Räume im regionalen Strukturwandel hervorgebracht und welche Bedeutung haben sie für die Teilhabe und Zukunftsentwürfe von Kindern und Jugendlichen?

Foto: Petra Mattheis
Habilitationsprojekt von Dr. Martin Kriemann

Der Strukturwandel im Mitteldeutschen Braunkohlerevier ist nicht allein als technologischer, ökonomischer und politischer Transformationsprozess zu begreifen, sondern stellt zugleich eine tiefgreifende soziale und pädagogische Herausforderung dar. In peripherisierten Regionen Ostdeutschlands überlagern sich langfristige Transformationsfolgen des Systemumbruchs von 1989/90 mit aktuellen Dynamiken des Kohleausstiegs und der Dekarbonisierung. Diese Prozesse prägen in besonderer Weise die Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen sowie die Bedingungen sozialer Teilhabe, Anerkennung und Zukunftsgestaltung.

Das kumulative Habilitationsprojekt untersucht aus einer erziehungswissenschaftlich-sozialpädagogischen Perspektive, wie sozial(pädagogisch)e Räume im regionalen Strukturwandel hervorgebracht, genutzt und gedeutet werden. Im Zentrum steht die Frage, wie Kinder und Jugendliche ihre Erfahrungen und Erwartungen im Kontext langfristiger sozialer, ökonomischer und institutioneller Transformationsprozesse bearbeiten und welche Bedeutung pädagogische, zivilgesellschaftliche und öffentliche Räume dabei für ihre Teilhabe- und Zukunftsentwürfe gewinnen. Zugleich wird analysiert, wie sich sozialpädagogisches Handeln im Strukturwandel entgrenzt, neu positioniert und mit demokratie- und gerechtigkeitstheoretischen Normierungen konfrontiert ist.

Empirisch basiert das Projekt auf qualitativen Forschungszugängen, darunter Gruppendiskussionen mit Jugendlichen, leitfadengestützte Interviews mit Fachkräften, ethnografische Feldaufenthalte in jugend- und sozialpädagogischen Kontexten sowie raumbezogene Methoden wie Ortsspaziergänge und visuelle Sozialraumanalysen. Die Auswertung erfolgt interpretativ und rekonstruktiv unter Rückgriff auf sozialraumtheoretische, wissenssoziologische, postsozialistische sowie dominanzkritische Perspektiven. Analytisch wird danach gefragt, wie soziale Räume als Gefüge materieller, symbolischer und relationaler Ordnungen entstehen und wie sie Teilhabe ermöglichen, begrenzen oder neu konfigurieren.

Ein zentrales Merkmal des Habilitationsprojekts ist die systematische Verschränkung von Forschung und Transfer. Die empirisch gewonnenen Erkenntnisse werden fortlaufend in dialogischen Formaten mit regionalen Akteur*innen aus Jugend-, Bildungs-, Sozial- und Strukturentwicklungspraxis rückgekoppelt. Workshops, öffentliche Präsentationen, Fachveranstaltungen sowie kooperative Entwicklungs- und Beratungsformate dienen dabei nicht nur der Vermittlung wissenschaftlicher Ergebnisse, sondern der gemeinsamen Reflexion pädagogischer Praxis und der Ko-Produktion anwendungsorientierten Wissens. Transfer wird als wechselseitiger Prozess verstanden, in dem regional verankertes Erfahrungswissen integraler Bestandteil wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion ist.

Die einzelnen Publikationen des kumulativen Projekts rekonstruieren Kindheit(en) und Jugend(en) im Strukturwandel als eine durch Ambivalenzen gekennzeichnete soziale Position zwischen Marginalisierung, Partizipationsversprechen und eigenständigen Formen der Raumaneignung. Der sozial(pädagogisch)e Raum wird nicht als gegebener Handlungsrahmen, sondern als umkämpftes, dynamisches Produkt gesellschaftlicher Aushandlungen verstanden.

Das Projekt leistet einen Beitrag zur erziehungswissenschaftlichen Strukturwandelforschung, zur sozialpädagogischen Raumtheorie sowie zur Analyse gerechter Übergänge angesichts pluraler Krisendiagnosen der Gegenwart und eröffnet zugleich Perspektiven für die reflexive Weiterentwicklung von Bildungs-, Beteiligungs- und Unterstützungsstrukturen für Kinder und Jugendliche in peripherisierten Regionen Ostdeutschlands.

Transferprofil

Dialogischer Wissenstransfer zu sozial(pädagogischen) Räumen im Strukturwandel

Das Transferprofil ist durch ein dialogisches, relationales und regional verankertes Verständnis von Wissenstransfer gekennzeichnet. Transfer wird nicht als nachgelagerte Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse verstanden, sondern als integraler Bestandteil des Forschungsprozesses selbst – als wechselseitige Bewegung zwischen wissenschaftlicher Analyse, pädagogischer Praxis, zivilgesellschaftlichen Erfahrungsräumen und politischen Entscheidungsstrukturen.

Ausgangspunkt der Transferaktivitäten sind empirische Forschungen zu den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen sowie zu sozial-, jugend- und bildungspädagogischen Räumen im regionalen Strukturwandel. Die gewonnenen Erkenntnisse werden kontinuierlich in Austauschformate mit regionalen Akteur*innen eingebracht und dort gemeinsam reflektiert, kontextualisiert und weiterentwickelt. Ziel ist es, wissenschaftliche Perspektiven für die Praxis anschlussfähig zu machen und zugleich regionales Erfahrungs- und Handlungswissen systematisch in die Forschung zurückzuführen.

Zentrale Transferformate sind Workshops, öffentliche Präsentationen, Fachveranstaltungen, Netzwerkstrukturen sowie kooperative Entwicklungs- und Beratungsformate mit Akteur*innen aus Jugend- und Sozialarbeit, Bildungseinrichtungen, Kommunalverwaltung, Zivilgesellschaft und Strukturentwicklungsorganisationen. Diese Formate eröffnen Räume kollektiver Wissensproduktion, in denen Fragen sozialer Teilhabe, Anerkennung, Demokratie und Gerechtigkeit im Strukturwandel gemeinsam bearbeitet werden.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf längerfristigen Kooperationen mit regionalen und überregionalen Akteur*innen des Strukturwandels. In diesen Zusammenhängen werden empirische Befunde in anwendungsorientierte Wissensbestände übersetzt, etwa zur Gestaltung sozialräumlicher Angebote oder zur Stärkung jugendlicher Beteiligung. Darüber hinaus zielen die Kooperationen auf die Weiterentwicklung kommunaler Unterstützungs-, Bildungs- und Beteiligungsstrukturen. Transfer wird dabei bewusst nicht auf kurzfristige Problemlösungen reduziert, sondern als reflexiver Entwicklungsprozess verstanden, der strukturelle Bedingungen pädagogischen Handelns sichtbar macht und kritisch hinterfragt.

Darüber hinaus richtet sich das Transferprofil explizit an politische und administrative Ebenen. In Form von Policy Papern, Fachvorträgen, Podiumsdiskussionen, Handreichungen und wissenschaftlichen Beratungsformaten werden sozialpädagogische Perspektiven in struktur- und bildungspolitische Debatten eingebracht. Ziel ist es, das Leitbild gerechter Übergänge im Strukturwandel evidenzbasiert zu konkretisieren und sozialpädagogisches Wissen als relevante Wissensform in Transformationsprozesse einzuschreiben.

Insgesamt ist das Transferprofil durch eine forschungsgeleitete, machtkritische und partizipationssensible Haltung geprägt. Es versteht Transfer als Bestandteil wissenschaftlicher Verantwortung und leistet einen Beitrag zur Stärkung demokratischer, sozial gerechter und regional anschlussfähiger Gestaltungsprozesse in Zeiten tiefgreifender gesellschaftlicher Transformation.

Team

Dr. Martin Kriemann

Forschungsgruppenleiter
Weiterlesen