Geschichten des Wandels, Räume der Möglichkeiten: Partizipative Erschließung von Transformationserfahrungen und Zukunftsentwürfen in Wolfen-Nord

Wie können unterschiedliche Erfahrungen von Wandel sichtbar gemacht und ins Gespräch gebracht werden – und wie lassen sich daraus Ideen für eine sozial gerechte, ökologische und demokratische Stadt- und Quartiersentwicklung entwickeln?

Foto: Cheyenne Wolf

Strukturwandel ist weit mehr als ein technischer oder wirtschaftlicher Prozess. Er greift tief in den Alltag der Menschen ein: in ihre Erinnerungen, Hoffnungen, Verlusterfahrungen und Zukunftsbilder. Gerade in postindustriellen und postsozialistischen Stadtteilen wie Wolfen-Nord treffen unterschiedliche Erfahrungen von Wandel aufeinander – von biografischen Brüchen nach der Wende über den Umgang mit neuen ökologischen Herausforderungen bis hin zu Migration, dem Neu-Ankommen und dem Wunsch, sich vor Ort ein gutes Leben aufzubauen.

Dieses partizipative Transferprojekt entwickelt an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis innovative Formate. Diese bearbeiten die zentrale Frage: Wie können unterschiedliche Erfahrungen von Wandel sichtbar gemacht und ins Gespräch gebracht werden – und wie lassen sich daraus Ideen für eine sozial gerechte, ökologische und demokratische Stadt- und Quartiersentwicklung entwickeln?

Wolfen-Nord als Ort multiplen Wandels – und der Möglichkeiten

Wolfen-Nord steht exemplarisch für die Herausforderungen und Chancen (post-)industrieller Regionen in Ostdeutschland. Zwischen Altlastensanierung, Dekarbonisierung, der Neuausrichtung der Chemie und demographischem Wandel entstehen neue Quartiere – physisch wie gesellschaftlich – in denen Fragen sozialer Gerechtigkeit, ökologischer Nachhaltigkeit und demokratischer Teilhabe eng miteinander verknüpft sind. In solchen Quartieren treffen heterogene Akteure und damit unterschiedlichste Transformationserfahrungen aufeinander: Blicke in die Vergangenheit (Wende-Verluste, Melancholie, (fossile) Nostalgie, emotionales Erinnern) und in die Zukunft (verheißungsvolle oder abwehrende Imaginationen von Transformation, Erfahrungen von Zuwanderung, des „Neu-Ankommens“, des sich etwas neu Aufbauens; etc.). Um diese Vielfalt produktiv zu nutzen, setzen wir auf partizipative Transferformate, die Begegnungen und Dialog ermöglichen, Unterschiede sichtbar machen und gleichzeitig gemeinsame Gestaltungsperspektiven „von unten“ eröffnen.

Ein zentraler Ort für solche Entwicklungen ist der ehemalige Jugendclub 84. Neu belebt als Kulturzentrum 84 beherbergt er künftig auch das Stadtteillabor „Zukunftsraum 84″– einen offenen Experimentier-, Lern- und Gestaltungsort. Hier werden neue Formen des Wohnens, Bauens, Wirtschaftens und Zusammenlebens erprobt – begleitet von Kunst, Kultur, zivilgesellschaftlichem Engagement und wissenschaftlicher Reflexion. Ziel ist es, partizipative und übertragbare Modelle für eine klima-, sozial- und kulturverträgliche Stadtentwicklung zu entwickeln – jenseits rein investorengeleiteter Logiken.

Ehemaliger Jugendclub 84er/ Zukünftiger Zukunftsraum 84, ©Cheyenne Wolf

Gemeinsames Projekt: Forschung, Praxis und Quartierbewohner*innen im Dialog

An diesem Punkt setzt die Kooperation zwischen dem Just Transition Center der Universität Halle-Wittenberg und dem Praxispartner Zukunftsraum 84 / Wolfen-Nord e.V. an. Gemeinsam wollen wir den Wandel nicht nur beobachten, sondern aktiv mitgestalten – dialogisch, experimentell und lokal verankert.

Die Arbeitsgruppen „Transformation und Teilhabe“ (A1) sowie „Vielfalt in sozial-ökologischen Transformationen“ (A6) bringen humangeographische und sozialwissenschaftliche Expertisen ein. Unsere Forschung richtet den Blick auf gegenwärtige gesellschaftliche und ökologische Transformationsprozesse, welche wir als lokale, alltäglich verankerte, konflikthafte Praktiken des Wandels verstehen. Schwerpunktsetzungen unserer qualitativen Forschungserhebungen sind die gelebten Erfahrungen und emotionalen Dimensionen von Wandel sowie auf Themen sozialer Ungleichheit, Diversität und Teilhabe.

Ein besonderer Fokus liegt auf der Sichtbarmachung vielfältiger Perspektiven: jene von Alteingesessenen ebenso wie von Zugezogenen mit und ohne Migrationsgeschichte, von zivilgesellschaftlichen Initiativen, Kulturschaffenden, Ehrenamtlichen oder Menschen unterschiedlicher Generationen. Diese Erfahrungen sollen nicht nur gesammelt, sondern gemeinsam reflektiert und produktiv gemacht werden – als Grundlage für kollektive Lernprozesse und neue Zukunftsentwürfe für das Quartier.

Raum für experimentelles Bauen, Foto: Cheyenne Wolf

Ziel: Teilhabe stärken, Wandel gemeinsam gestalten

Übergeordnetes Ziel der Zusammenarbeit ist es, Teilhabe zu stärken, Wissen partizipativ zu produzieren und lokale Zukunftsvisionen zu fördern. Der Zukunftsraum 84 dient als Reallabor, in dem Forschung, Praxis, Kunst und Alltagserfahrungen zusammenkommen. Ergebnisse wie Geschichten, Karten, Visionen und Ideen fließen sowohl in die weitere Entwicklung von Wolfen-Nord ein als auch in Impulse für andere postindustrielle Regionen. Dabei werden Fragen sozialer Teilhabe und der Aushandlung von Transformation auf lokaler Ebene untersucht:

  • Wo spüren Menschen Wandel im Alltag?
  • Welche Orte sind mit Erinnerungen, Verlusterfahrungen und Abschieden, oder Hoffnungen verbunden?
  • Welche Zukunftsentwürfe bringen die Menschen mit?
  • Wer fühlt sich eingeladen, mitzugestalten, wer ausgeschlossen?
  • Welche Räume für Partizipation, Experimente, Erinnerung und kollektive Gestaltung werden benötigt?
  • Wie können Menschen mit diversen Hintergründen erreicht und in konkrete Projekte vor Ort eingebunden werden? Wie fließen diese Prozesse in das Quartier ein?

Team

Dr. Jan Winkler

Forschungsgruppenleiter
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Portrait Dr. Jan Winkler, Forschungsgruppenleiter Team A1

Cheyenne Wolf

Wissenschaftliche Mitarbeiterin/ PhD-Studentin
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Portrait Cheyenne Wolf, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Team A1

Dr. Larissa Fleischmann

Forschungsgruppenleiterin
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Portrait Larissa Fleischmann, Teamleiterin, Team A6. Foto JTC | Markus Scholz

Marina Rottmann

Wissenschaftliche Mitarbeiterin
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Portrait Marina Rottmann, Wissenschaftliche Mitarbeiter, Team A6