Chemie im Wandel
Inwiefern tragen Akteure, z. B. Gewerkschaften oder Beschäftigte, dazu bei, dass die Konflikte um Deindustrialisierung und Defossilisierung konservierend oder transformierend verlaufen?
Foto: Sophie Altmiks
Als Derivat der Kohle- und Erdölverarbeitung ist die chemische Industrie sowohl einer der größten Ressourcenverbraucher als auch einer der größten Abfall- und Emissionsverursacher. Durch den ansteigenden Druck, in der Produktion Klima- und Umweltschutz und Globalisierungsdynamiken miteinzubeziehen, steht sie in vielen Industrienationen immer stärker vor der Herausforderung: Transition or Die?
Während klimapolitische Instrumente wie das European Trading System (ETS), der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) oder nationale Energie- und Industriepolitiken auf eine Defossilisierung der Wirtschaft abzielen, verdichten sich in den betroffenen Regionen Konflikte um Standortsicherung, Beschäftigung und industrielle Zukunftsperspektiven, weil der Zusammenbruch von Schlüsselindustrien wie der Chemieindustrie das gesamte System gefährden würde. In Ostdeutschland blieb die Chemieindustrie nach der postsozialistischen Privatisierung einer der wenigen gut bezahlten Beschäftigungssektoren und ein Bezugspunkt für die regionale Identität, steht jetzt jedoch vor großen Herausforderungen. Beispielsweise plant der US-amerikanische Konzern Dow Chemical – laut eigener Aussagen aufgrund steigender Energiekosten und schwacher Nachfrage – die Schließung von Werken in Böhlen und Schkopau. Die Konflikte deuten auf das potenziell antagonistische Verhältnis zwischen Arbeit und Ökologie hin, wenn Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen durch ökologische Politiken bedroht sind. Aber woran entscheidet sich, ob der Konflikt konservierend oder transformierend verläuft?
Theoretisch verortet sich die Arbeit an der Schnittstelle zwischen ökologischer Arbeitsgeographie und arbeitssoziologischen Labour environmentalism studies. Arbeit wird dabei als übergeordnetes Organisationsprinzip und wechselseitiger Vermittlungsprozess sozialer Interaktionen mit der organischen und anorganischen Umwelt verstanden. Die ökologische Krise verdeutlicht die Notwendigkeit der Suche nach alternativen wirtschaftlichen und arbeitsorganisatorischen Konzepten.
Vor diesem Hintergrund untersucht das Dissertationsprojekt, wie ökologische Politik, globale Restrukturierungsstrategien und betriebliche Arbeitsverhältnisse im mitteldeutschen Chemiedreieck miteinander verschränkt sind. Dazu zählen beispielsweise politische und marktwirtschaftliche Veränderungen wie das ETS oder der Anstieg der Energiepreise, Strategien von Unternehmen, Beschäftigten und Gewerkschaften, dem Arbeitsalltag inhärenten Arbeitslogiken und daraus erwachsende politische Orientierungen. Die politische Relevanz erfordert ein Verständnis davon, wie Beschäftigte, Gewerkschaften und andere Akteure diese Konflikte wahrnehmen, deuten und strategisch bearbeiten.
Mithilfe qualitativer Interviewforschung untersucht das Projekt:
- welche Raummaßstabsebenen und äußeren sowie betriebspolitischen Rahmenbedingungen den Konflikt beeinflussen
- welche Arbeitslogiken und daraus abgeleitete politischen Verständnisse in der Chemieindustrie vorkommen
- welche Lösungsansätze sich daraus für eine sozial-ökologische Transformation ergeben