Dr. Alexander Klose
Am 27. März 2025 fand der Auftaktworkshop „Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit“ im Direktorenhaus des Chemieparks Bitterfeld-Wolfen statt. Ein Bericht.
Im historischen Verwaltungsgebäude des Chemieparks traten Forschende verschiedenster Richtungen in den Diskurs zum Thema: Wie und zu welchen Zwecken beforschen wir die chemische Industrie?
Eingeladen hatte das Just Transition Center, Teilnehmende waren das Innovationsteam A2, Dr. Veit Braun (Institut für Soziologie an der Uni Frankfurt/Main, seit 9/25 Lehrstuhl für Umweltsoziologie, Uni Augsburg),
Das Innovationsteam „Chemie im Wandel“ untersucht historische, sozioökonomische und räumliche Auswirkungen der chemischen Industrie im Übergang zu einer klimagerechten Gesellschaft. Wir verbinden Ansätze und Methoden aus der Geographie, Ethnologie, Kultur- und Medienwissenschaft, Philosophie, Technikgeschichte und Wissenschaftstheorie, um die kulturellen Praktiken, die Emotionen, Überzeugungen, Motivationen und Bedürfnisse der Menschen zu analysieren, die in Zusammenhang mit der chemischen Industrie stehen: jener, die in der chemischen Industrie arbeiten sowie derjenigen, die ihre Produkte konsumieren – oder fürchten.
Produkte in Chemie und Auswirkung auf Gesellschaft
Der Workshop näherte sich auf zwei Ebenen der Komplexität dieser Fragestellungen. Er fragte einerseits nach Produktionsabläufen, Produkten und Rückständen der chemischen Industrie und andererseits nach deren Auswirkungen auf Individuen und Gesellschaft. Eingeladen waren Praktiker und Prakterinnen der Erforschung der chemischen Industrie und ihrer Wirkungen aus verschiedenen disziplinären Perspektiven.
In seinem Grußwort betonte Patrice Heine, Geschäftsführer der Betreibergesellschaft des Chemieparks Bitterfeld-Wolfen, die die Räume und Infrastruktur für den Workshop zur Verfügung gestellt und freundlicherweise die Organisation von Transport und Catering übernommen hatte, die Bedeutung sozialwissenschaftlicher Forschung für den notwendigen Wandel der chemischen Industrie. Aus sich selbst heraus, so sein Credo, werde sie den Wandel nicht vollziehen können, es brauche kritische Begleitung und Spiegelung.
Forschung auf lokaler geographischer und historischer Ebene
Nach einer Vorstellungsrunde, in der jeder Teilnehmende die eigene Motivation für und den Weg zur Beschäftigung mit der Chemie darstellte, widmete sich die Vormittagssession lokalen geographischen und historischen Forschungen. Der Historiker Günther Matter, ein Kenner der Industriegeschichte Bitterfeld-Wolfens, führte in Topographie und Geschichte des Chemieparks ein. Anschließend zeigte und kommentierte Daniel Wolter, jetzt Postdoc im Team A2, Fundstücke zur Umweltgeschichte Bitterfeld-Wolfens aus dem Archiv der ökologischen Bewegung der DDR der Robert-Havemann-Gesellschaft.
Während eines Exkurses im Industrie- und Filmmuseum Wolfen, erhielten die Teilnehmenden von Museumsleiter Sven Sachenbacher eine Einführung in die Geschichte und in die Sammlung des Hauses.
Dynamik und Kreislauf der Chemie
Im zweiten Teil des Workshops kamen Ansätze zur Sprache, die größere technikhistorische, sozialwissenschaftliche und gesellschaftspolitische Zusammenhänge erforschen, wie geopolitische und planetarische Dimensionen oder politisch-soziale Aspekte der gesellschaftlichen Durchdringung mit chemischen künstlichen Stoffen. Benjamin Steininger berichtete von seiner langjährigen Auseinandersetzung mit dem Prinzip der Katalyse und Ansätzen zu deren paradigmatischer Umgestaltung sowie von der zentralen Bedeutung der Chemie für das Verständnis der von ihm gemeinsam mit Alexander Klose erforschten Epoche der Petromoderne. Nona Schulte-Römer sprach von der Janusköpfigkeit der Chemie, über Technikfolgenabschätzung und Risikobewertung als bislang einzige sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit derselben und über die Vision zur Transformation der Chemie. Wer, so fragte sie, wird an diesem Transformationsprozess beteiligt werden? Johanna Kramm berichtete von ihrer Erforschung der Zirkulation der Produkte der chemischen Industrie und deren Auswirkungen, von Mikroplastik und „Ewigkeitschemikalien“ (PFAS), von Chemikalien als Agenten und Companions.
In einer Abschlussdiskussion wurden noch einmal die Perspektiven einer sozial- und kulturwissenschaftlichen Erforschung der Chemie und deren Zugänge erörtert: Produkte und Produktdynamiken, Stoffe und Stoffkreisläufe, die in die chemische Produktion involvierten Communities (die bislang weitgehend unerforscht sind), Begriff und Praxis der Innovation und zeitliche Dynamiken (extrem verdichtete Prozesszeit der Herstellung vs. lange Dauer des Nachlebens und Zerfalls, Kreislauf vs. unidirektionale lineare Dynamik), sowie die Frage von Verantwortung und Zuständigkeit, die Notwendigkeit gesellschaftlicher Aufklärung und schließlich die Problematik des Transformationsbegriffs.