Am 13. und 14. November war eine Delegation der Technischen Universität Tallinn (TalTech) und des TalTech Virumaa College zu Besuch im Just Transition Center. Diese Begegnung und der damit verbundene Austausch markieren einen Meilenstein einer wachsenden Kooperation zwischen TalTech, dem Virumaa College und dem JTC.
Zwei intensive Tage voller neuer Eindrücke, Erkenntnisse und Ideen in den diversen Forschungsfeldern – sowohl mit den Konferenzteilnehmenden vor Ort als auch online. „Wir konnten Einblicke gewinnen und mehr über die Herausforderungen und Fragestellungen verschiedener EU-Regionen wie Rumänien, Italien, England, Estland und Deutschland im Zusammenhang mit einem gerechten Übergang und strukturellem Wandel erfahren“, sagte Dr. Steffi Formann vom Innovationsteam A3.
Förderprogramme im Blick
Der erste Tag stand im Zeichen von Zusammenarbeit und Erfahrungsaustausch – insbesondere mit Blick auf die Fördermöglichkeiten. Ein immens wichtiges Thema, da es den Grundstock bildet, um Forschung überhaupt zu ermöglichen. Eine große Rolle spielte dabei Horizon Europe, das zentrale Forschungs- und Innovationsprogramm der EU – aktuell mit 93,5 Mrd. Euro (2021–2027) und künftig mit geplanten 175 Mrd. Euro für 2028–2034, wie die Kommission am 16. Juli 2025 vorgeschlagen hat. Während das laufende Programm internationale Projekte zu Klima, Gesundheit, Digitalisierung und nachhaltiger Entwicklung fördert, sollen im nächsten Programm zusätzlich wissenschaftlich getriebene „Moonshot“-Projekte gestartet werden, die Europa in strategischen Bereichen wie sauberer Luftfahrt, Weltraumwirtschaft und KI der nächsten Generation stärken. Die Verhandlungen über den neuen Programmvorschlag zwischen Parlament, Rat und Kommission stehen nun an.
„Sich mehr Zeit zu nehmen, um sich mit den Kolleginnen und Kollegen von TalTech auszutauschen und die vielfältigen Ideen zu gemeinsamen Projekten zusammenzuführen, war sehr wertvoll – insbesondere, weil dies so früh im Prozess geschah“, sagte Martin Häuer vom Innovationsteam C1. Er sei es gewohnt, dass Förderanträge immer auf den letzten Drücker initiiert und ausgearbeitet werden – was sie sehr anfällig für blinde Flecken sowohl in der Planung als auch im Konzept mache macht.
„Mit der hier gegebenen Zeit und dem mentalen Freiraum können wir etwas Sinnvolles und Solides entwickeln und die Ideen sogar in Gesprächen mit Partnern testen, bevor wir sie als dreijähriges Projekt einreichen.“
Keynote-Vorträge zu Recht, Bildung und Entwicklung sowie sozioökonomischen Aspekten
Am zweiten Tag griffen Forschung und Transfer tiefer ineinander. In Keynote-Vorträgen zu jeweils spezifischen Themengebieten wurden aktuelle Projekte vorgestellt – und boten anschließend Grundlagen zur Diskussion.
Im Komplex „Recht“ setzte Dr. Siddarth De Souza von der University of Warwick (Großbritannien) mit „Gerechte Übergänge und Datengerechtigkeit“ den thematischen Rahmen. Im Anschluss stellte Dr. Timm Surreau vom Innovationsteam A7 die „Governance der gerechten Transformation im transregionalen Kontext“ vor. Er erläuterte die Arbeit seines Teams und präsentierte eine Fallstudie zur Wasserstoff-Governance. Danach zeigte das Innovationsteam C2, wie Fragen von Justiz und öffentlicher Verwaltung in diesem Kontext behandelt werden.
In der Session „Bildung und Entwicklung“ gab Alexandru Kelemen (Rumänien, Verband für integrierte territoriale Entwicklung im Jiu-Tal) einen Einblick in das Jiu-Tal – einer eine Region in Rumänien, die stark vom Kohlebergbau geprägt war und heute im Mittelpunkt verschiedener Programme für Strukturwandel und regionale Entwicklung steht. Anschließend beschrieb Korbinian Biller vom Innovationsteam C3, welche Rolle Fort- und Weiterbildung innerhalb der sozialökologischen Transformation der chemischen Industrie spielen.
Den Abschluss bildete der Komplex „Sozioökonomische Aspekte“, eingeleitet von Prof. Lidia Greco (Universität Bari Aldo Moro, Italien). Vorgestellt wurden darin die sozioökonomischen Herausforderungen der ökologischen Transformation am Beispiel der Situation in Taranto.
Kontakte knüpfen, erweitern und verstärken
Ein besonderes Highlight war am zweiten Konferenztag ein innovatives Dialogformat: In einem hybrid durchgeführten wissenschaftlichen Speed-Dating-Format und in zwanglosen Gesprächen wurden Kompetenzen gestärkt und Interessen ausgetauscht.
Darüber hinaus erhielt die Delegation Einblicke in die Forschung der JTC-Teams: Besucht wurden das Biochemie-Labor (Dr. Constanze Zwies, B4), der Reinraum und das Elektrochemie-Labor (Dr. Haojie Zhang, B3).
„Während des Besuchs führten wir vertiefte Gespräche über die Umwandlung industrieller Abfälle in wertvolle und erneuerbare Ressourcen“, sagte Dr. Haojie Zhang. TalTech habe seine umfassende Expertise in der Pyrolyse verschiedener Abfallströme vorgestellt, darunter Holz, Kunststoffe und Bioabfälle, um Wasserstoff und andere saubere Energieträger zu erzeugen. Team B3 präsentierte Arbeiten zur elektrokatalytischen Herstellung erneuerbarer Energien und Chemikalien sowie zur Rückgewinnung und zum Recycling von Edelmetallen. „Diese komplementären Stärken bilden eine hervorragende Grundlage für integrierte Wertschöpfungsketten: Gasförmige Produkte aus der Pyrolyse können über elektrokatalytische Prozesse in hochwertige Chemikalien umgewandelt werden, während feste Produkte wie Kohlenstoff als Vorstufen für hochaktive Katalysatormaterialien dienen können“, führte Zhang weiter aus. „Durch die Kombination unserer jeweiligen Stärken in Pyrolyse und Elektrokatalyse wollen beide Partner innovative Lösungen für eine nachhaltige Abfallverwertung und ressourceneffiziente grüne Energiesysteme entwickeln.“
Neben den wissenschaftlichen Einblicke Einblicken hatten die Gäste auch die Gelegenheit, die Stadt Halle kennenzulernen – bei einer geführten Stadterkundung, geleitet von Dr. Cornelia Deimer, Revierscout in Halle und Saalekreis.
„Da wir die Vernetzung als Schlüssel für die Weiterentwicklung komplexer Themen und spezifischer Fragestellungen der Regionen betrachten, werden wir unsere JTC EU-Networking-Konferenz im Frühjahr 2026 erneut in einem hybriden Format durchführen“, sagte Formann. Und Zhang fügte hinzu: „Dieser Besuch hat die Beziehungen zwischen dem Just Transition Center und TalTech weiter gefestigt und die gemeinsame Vision unterstrichen, die zentralen Herausforderungen der Energiewende anzugehen.“
Rückblick:
Vom 23. bis 24. April 2025 besuchten Forschende des Just Transition Center (JTC) Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der TalTech Universität Tallinn, um gemeinsame Strategien für den europäischen Strukturwandel zu entwickeln. Hintergrund war die geplante Neuausrichtung der EU-Förderung vom Just Transition Fund (JTF) hin zum European Competitiveness Fund (ECF).
Im Rahmen des Workshops stellten Forschungsgruppen aus Sozial- und Geisteswissenschaften, Materialforschung und Rechtswissenschaften ihre aktuellen Arbeiten vor und identifizierten zahlreiche Anknüpfungspunkte für zukünftige Kooperationen. Dazu zählen gemeinsame Untersuchungen zu regionaler Entwicklung und sozialem Zusammenhalt, der Aufbau von Partnerschaften zur Entwicklung nachhaltiger Materialien und biobasierter Bindemittel sowie die Zusammenarbeit im Bereich digitaler Governance, Open-Source-Standards und LegalTech.
Laborbesichtigungen und Gespräche vor Ort – darunter der Besuch einer neuen, teils JTF-finanzierten Magnetfabrik sowie ein Austausch mit Katri Raik, der Bürgermeisterin von Narva – verdeutlichten die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Transformationsregion Ida-Virumaa.
Der Workshop unterstrich, dass Estland und Mitteldeutschland vor ähnlichen Strukturwandelprozessen stehen und durch die enge wissenschaftliche Zusammenarbeit gemeinsame Innovationspotenziale nutzen können. Die beteiligten Partner planen, die initiierten Projekte weiterzuführen und unter den kommenden EU-Förderinstrumenten auszubauen.