Mehrdeutige Liminalitäten – Emotionale Bezüge und sozial umkämpfte Potenziale von Leerständen in einer Strukturwandelregion
Strukturwandel &
Partizipation
Was passiert in Gebäuden, die nicht mehr genutzt werden – aber auch noch nicht verschwunden sind?
Bild oben: AI Image Lost Place
Leerstände im Strukturwandel sind mehr als brachliegende oder stillstehende Orte, mehr als bloße Schandflecken oder Kapitalisierungsversprechen: Sie sind emotionale, soziale und politische Zwischenräume. Das Projekt beleuchtet ihre ambivalenten Potenziale zwischen Erinnerung, Aneignung und Ausschluss.
Im Rahmen meines JTC-Projekts und meiner Dissertation untersuche ich die Bedeutung leerstehender Gebäude und Areale im Mitteldeutschen Revier. Im Fokus stehen Orte, die häufig als „verlassen“ gelten, sich jedoch in komplexen Übergangszuständen zwischen früherer Nutzung und möglicher zukünftiger Umwidmung befinden. Gerade in Strukturwandelregionen wie dem südlichen Sachsen-Anhalt, die bereits durch frühere Transformationen und Brüche geprägt sind, finden sich ganz unterschiedliche Formen von Leerstand: bis auf die Grundmauern verfallene Ruinen am Wegesrand, (ehemals) imposante Fabrikkomplexe in Kleinstädten, (teils) leerstehende Wohnblöcke in einst belebten Großwohnsiedlungen oder scheinbar unberührte Gebäude, die sich wie in einem „Dornröschenschlaf“ inmitten von Stadtzentren befinden.
Ausgehend von der Annahme, dass Leerstände mehr sind als bloße Problemorte, allgemeine Freiräume oder Entwicklungsreserven einer kapitalistischen Stadt, fragt das Projekt danach, welche emotionalen Bindungen, Bedeutungszuschreibungen und informellen Aneignungsprozesse sich rund um diese Orte entfalten. Untersucht wird ein breites Spektrum an Akteursgruppen, darunter umliegende Anwohner:innen, ehemalige Nutzer:innen wie Arbeiter:innen, Urban Explorer, Künstler:innen aus der Graffiti- oder Fotografieszene, soziokulturelle Initiativen sowie prekäre Nutzer:innen. Obwohl ihre Zugänge, Erwartungen und Nutzungsformen stark variieren, setzen sich viele dieser Akteur:innen jenseits formeller Planungsprozesse – oft „unter dem Radar“ – mit Leerständen auseinander und schreiben ihnen neue, teils widersprüchliche Bedeutungen „im Dazwischen“ zu.
Ein zentrales Interesse des Projekts liegt darin, diese unterschiedlichen Perspektiven relational zu betrachten und die Ambivalenzen zwischen verheißungsvollen Potenzialen und sozialen Ausschlüssen sichtbar zu machen. Leerstände erscheinen dabei zugleich als Erinnerungsräume, Freiräume, Ausdrucks- und Projektionsflächen alternativer Stadtvorstellungen, aber auch als konfliktträchtige Orte, an denen Machtverhältnisse, Besitzstrukturen und soziale Ungleichheiten wirksam werden. Statt Leerstand als neutralen Möglichkeitsraum zu begreifen, analysiert das Projekt ihn als sozialen Zwischenraum, in dem Transformation sinnlich, affektiv und sozial selektiv erfahrbar wird.
Ziel der Forschung ist, herauszuarbeiten, welchen Beitrag diese Praktiken zu einem inklusiveren, sozial sensibleren Verständnis von Stadt- und Regionalentwicklung im Kontext des Strukturwandels leisten können. Damit möchte das Projekt dominante Narrative des Strukturwandels kritisch hinterfragen und Leerstand als ambivalenten, umkämpften, aber gesellschaftlich hoch relevanten Raum neu zu lesen.
