Chemie im Wandel
Wie zeigt sich die technische Kontrolle und Behandlung chemischer Rückstände im Untergrund an der Oberfläche des Alltags? Wie lässt sich Altlastensanierung als kulturelle Praxis im Kontext von Aufarbeitung und Wandel begreifen?
Das Projekt entwirft ein erweitertes, ganzheitliches Verständnis von Chemie-Altlasten als räumliches, ökologisches, historisches, politisches, sowie sozio-kulturelles Phänomen.
Die Forschung untersucht die sozialräumliche Bedeutung technischer Sensoren und damit verknüpfte Praktiken des Sensing im Rahmen sogenannter ökologischer Großprojekte. Am Fallbeispiel Bitterfeld-Wolfen werden dazu Maßnahmen der Altlasten-Sanierung als landschafts- und raumbildende Prozesse analysiert und beschreibbar gemacht. Anhand empirischer Zugänge werden ökologische Schädigungen, insbesondere regionale Grundwasserkontaminationen in Folge historischer Bergbau- und Chemieindustrien am Standort als epistemische und ästhetische Formationen freigelegt. Wie verhalten sich Messinfrastrukturen, Chemikalienrückstände und Raumplanung, sowie -wahrnehmung zueinander?
Die chemischen Hinterlassenschaften im Untergrund sind im Alltag an der Oberfläche weitestgehend unsichtbar und aufgrund ihrer komplexen, heterogenen stofflichen Zusammensetzung und Verteilung nur schwer nachzuvollziehen. Regional ausgebildete Schadstofffronten und Grenzwertüberschreitungen erlangen erst im Zuge weiträumig verteilter Sensor-Infrastrukturen epistemologische und ästhetische Relevanz, in deren Folge sie sich auch für die menschliche Wahrnehmung erschließen lassen.
Raum und Untergrund werden dabei nicht durch Menschen begangen, sondern (mess-)technisch „erfühlt“ und somit als mediales Ereignis inszeniert. In diesem sinnlichen Spannungsfeld zwischen menschlicher (Nicht-)Wahrnehmung und Sensornetzwerken, zeigen sich Chemie-Altlasten gleichsam als Grundwasser-, Stoff- und Datenströme.
Materialistische Kulturtheorien und Medienökologien können dabei behilflich sein, Altlastensanierung als sozio-kulturelles Ritual der Aufarbeitung zu analysieren, wobei Anlagen, Deponien und Baustellen zu performativen Orten dieses kulturellen Vollzugs werden. Als technische Daueraufgabe erfordern die Ewigkeitsaltlasten eine permanente Betreuung dieser Infrastrukturen – Sanierung wird dadurch zur Verwaltungspraxis und Lebensform zwischen Stofflichkeit und Sinnstiftung.
In der Zusammenführung von Ansätzen aus der Medientheorie, den Science and Technolgy Studies und ethnographischen Methoden zielt die Forschung darauf ab, die onto-epistemologische Komplexität der Altlastensanierung, sowie deren gesellschaftliche Bedeutung in der Verschränkung von Mensch, Umwelt und Technik sichtbar zu machen. Wie lassen sich die technischen Maßnahmen der Sanierungsprojekte zugleich als kulturelle Praxis der Vergangenheitsbewältigung begreifen?