Welche Rolle spielt Wasser für die nachhaltige Transformation von Städten und Regionen? Und wie kann ein zukunftsfähiger Umgang mit Wasser dazu beitragen, den Herausforderungen des Strukturwandels im südlichen Sachsen-Anhalt zu begegnen? Diesen Fragen widmete sich eine Exkursion nach Bitterfeld-Wolfen, die das JTC-Team A6 gemeinsam mit dem Revierscout für Anhalt-Bitterfeld, Christian Hennicke, am 16. Juni 2026 organisierte.
Rund 15 internationale Wissenschaftlerinnen und Mitglieder des Just Transition Centers (JTC) kamen dabei mit Akteurinnen aus der Region ins Gespräch. Dabei zeigte sich, dass kaum eine andere Region so eindrücklich das Spannungsfeld zwischen dem Erbe der industriellen Vergangenheit – beispielsweise im Umgang mit den Altlasten der Chemieindustrie und kontaminiertem Grundwasser – und den Chancen einer nachhaltigen wasserbasierten Transformation verdeutlicht. So schaffen Renaturierungsmaßnahmen nicht nur neue Biodiversitätshotspots für seltene Tier- und Pflanzenarten, sondern eröffnen zugleich neue Perspektiven für Tourismus und eine nachhaltige Regionalentwicklung. Die Exkursion bot den Teilnehmenden die Gelegenheit, wissenschaftliche Diskussionen mit praktischen Erfahrungen vor Ort zu verbinden.
Vor diesem Hintergrund rückten unterschiedliche Facetten wasserbezogener Transformation in den Fokus der Exkursion. Im Gemeinschaftsklärwerk Bitterfeld-Wolfen wurde deutlich, welche zentrale Rolle moderne Wasser- und Abwasserinfrastrukturen für den Umwelt- und Ressourcenschutz sowie die Klimaresilienz eines der bedeutendsten Industriestandorte Mitteldeutschlands spielen. Im Austausch mit den Stadtwerken diskutierten die Teilnehmenden aktuelle Herausforderungen einer nachhaltigen Wasserbewirtschaftung – von resilienten Versorgungsstrukturen über die Folgen des Klimawandels bis hin zu Fragen der Rekommunalisierung wasserwirtschaftlicher Aufgaben. Ein Besuch der Übergabestation für Fernwasser verdeutlichte die Komplexität der regionalen Versorgungsinfrastruktur vor dem Hintergrund kontaminierten Grundwassers.
Einen komplementären Blick auf Wasser als Motor regionaler Transformation eröffneten der Besuch der Goitzsche-Wildnis und der Austausch mit dem BUND Sachsen-Anhalt. Die Flutung ehemaliger Tagebaue hat hier nicht nur eine neue Seenlandschaft entstehen lassen, sondern zugleich wertvolle Biodiversitätshotspots für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten geschaffen. So konnten die Exkursionsteilnehmenden unter anderem Fischadler und weitere seltene Arten beobachten. Die Projektleiter des BUND stellten die Entwicklung der Goitzsche von einer ehemaligen Tagebaufläche zu einem vielfältigen Naturraum vor und erläuterten die Herausforderungen, die mit Altlasten, Renaturierung und langfristigem Naturschutz verbunden sind. Dabei wurde deutlich, wie eng die Geschichte des Braunkohletagebaus mit heutigen Fragen des Gewässerschutzes, der Landschaftsentwicklung und einer nachhaltigen Regionalentwicklung vor dem Hintergrund des Klimawandels verknüpft ist.
Die während der Exkursion gewonnenen Eindrücke wurden im anschließenden internationalen Schreibworkshop Hydropolitical Geographies: Critical Perspectives on Water in a Changing Climate (16.–18. Juni 2026, LegalTech Lab) aus unterschiedlichen fachlichen und internationalen Perspektiven weiter vertieft. Im Mittelpunkt standen hydropolitische Geographien im Kontext des Klimawandels – von Fragen der Wassergovernance und kritischen Infrastrukturen über Bergbaufolgelandschaften und die Energiewende bis hin zu Umweltgerechtigkeit und mehr-als-menschlichen Beziehungen zu Wasser und Gewässern. Der Workshop brachte Wissenschaftler*innen unter anderem von den Universitäten Uppsala (Schweden), Antioquia (Kolumbien), der Universitas Indonesia (Indonesien), Bonn, Frankfurt und Salzburg zusammen und verdeutlichte den Mehrwert, der sich aus der Verknüpfung internationaler wissenschaftlicher Debatten mit konkreten Transformationsprozessen in der Region ergibt. Damit unterstrich der Workshop den Anspruch des JTC, globale Herausforderungen nachhaltiger Transformation in der Region zu verankern und gemeinsam neue Perspektiven für Forschung und Praxis zu entwickeln.
Bericht von Julia Ostertag und Dr. Larissa Fleischmann, Team A6: Vielfalt in sozial-ökologischen Transformationen