Transformative Wissenschaft trifft auf autoritären Ökomodernismus: Friedemann Wiese als Gastredner beim JTC-Kolloquium
Am 21. Januar 2026 begrüßte das JTC-Kolloquium Friedemann Wiese als Gastredner zum Abschluss der Vorlesungsreihe des Wintersemesters. Wiese ist Doktorand und Forscher im Graduiertenprogramm „Krise und sozioökologische Transformation”. Der Vortrag verband den theoretischen Rahmen seiner Studien mit der praktischen Umsetzung, indem er empirische Forschungsergebnisse zu den Arbeitern der Tesla-Fabrik in Grünheide, Brandenburg, vorstellte. Die Veranstaltung wurde von Dr. Timm Sureau, Teamleiter des JTC A7-Teams für Transregionale Just Transition Governance, organisiert.
Das Graduiertenprogramm zu Krisen und sozioökologischer Transformation
Wiese stellte zunächst das Forschungsprogramm vor, das seine aktuellen Arbeiten ermöglicht. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung und die Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin haben 2021 ein interdisziplinäres Graduiertenforschungsprogramm ins Leben gerufen, dessen Ziel es ist, das empirische Wissen über Transformationskontexte zu erweitern und theoretische Rahmenkonzepte zu entwickeln, die sich mit sozioökologischen Krisen befassen. Das Programm bringt Wissenschaftler*innen aus den Bereichen Anthropologie, Soziologie, Politikwissenschaft, Geografie und verwandten Fachgebieten zusammen und arbeitet auf transdisziplinärer Basis.
Neue Publikation zum Thema Transformation
Anschließend ging Wiese näher auf eine kürzlich erschienene gemeinsame Publikation des Programms mit dem Titel „Kämpfe um Transformation: Kritische Analysen und Interventionen zur sozioökologischen Krise” ein. Der Sammelband zielt darauf ab, konventionelle wissenschaftliche Praktiken aufzubrechen, indem er die Multidisziplinarität fördert und die Debatte zwischen Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Aktivismus stärkt.
Die zentrale Erkenntnis des Bandes ergibt sich aus der Kluft zwischen mehreren identifizierten theoretischen Rahmenwerken: Es besteht ein dringender Bedarf an progressiven praktischen Ansätzen, die über theoretische Positionierungen hinausgehen und sich mit konkreten politischen Strategien und deren Umsetzung befassen. Die Forschung legt nahe, dass Transformation eine Verankerung der Theorie in den gelebten Kämpfen und konkreten Bedürfnissen von Gemeinschaften, Arbeitnehmer*innen und Bewegungen erfordert, die sich für sozioökologischen Wandel engagieren. Diese Erkenntnis deckt sich mit dem Ansatz des JTC: Die Vernetzung und Einbindung lokaler Akteure ist der Schlüssel, um tatsächliche Veränderungen in Richtung einer gerechten Transformation zu ermöglichen.
Transformative Wissenschaft – vier Kerndimensionen
Anschließend skizzierte Wiese die Kernkonzepte seiner methodologischen Grundlage, die er gemeinsam mit Carla Noever Castelos in einem Beitrag zum vorliegenden Band dargelegt hat. Er erklärte die transformative Wissenschaft als ein eigenständiges Forschungsparadigma, das auf vier Grundprinzipien basiert: Reziprozität, Positionalität, epistemologischer Gerechtigkeit und Solidarität. Die transformative Wissenschaft ist nicht nur ein methodologisches Instrumentarium, sondern eine Verpflichtung, die Wissensproduktion mit emanzipatorischen Kämpfen in Einklang zu bringen.
Aktuelle Forschung – Teslas autoritärer Ökomodernismus in Grünheide
Abschließend erläuterte Wiese , wie er seine Methodik in einem aktuellen Forschungsprojekt angewandt hat. Seine aktuelle Forschung dreht sich um die Arbeiter in Teslas umstrittener Gigafactory in Grünheide. Er konzentriert sich auf die Forschungsfrage: „Wie nehmen Produktionsarbeiter die Arbeit innerhalb der Fabrik wahr und wie gehen sie damit um, und in welchem Zusammenhang stehen diese Erfahrungen mit einem umfassenderen sozioökologischen Wandel?“
Als sich der formelle Zugang zur Fabrik als schwierig erwies, wandte Wiese eine innovative Feldforschungsmethode an, die er „Train Talks“ nannte, bei der er Mitarbeiter auf ihrer Fahrt zur Fabrik interviewte. Die Herausforderung, Zugang zum Feld zu erhalten, lieferte einige erste kritische Erkenntnisse über eine Unternehmenspolitik, die unerwünschte öffentliche Kommunikation nicht fördert, sondern eher behindert und sogar so weit geht, dass sie die Fähigkeit der Mitarbeiter einschränkt, ihre Perspektiven und Meinungen zu äußern. Wiese identifizierte dies als eine eher autoritäre Praxis, die in starkem Kontrast zu den Idealen der kritischen (Selbst-)Reflexion, Multiperspektivität und Solidarität stand, die er zuvor mit transformativen Praktiken in der Wissenschaft und darüber hinaus in Verbindung gebracht hatte.
Key Take-aways
Sein Vortrag vermittelte eine Vision von Wissenschaft und Aktivismus, die auf eine gerechte Transformation ausgerichtet ist. Er zeigte die Bedeutung interdisziplinärer und innovativer Ansätze für die Forschung im Bereich der Just Transformation auf. Wir konnten mehrere gemeinsame Ansätze identifizieren, insbesondere die Förderung eines engen Dialogs zwischen uns als Forschern und lokalen Interessengruppen, darunter Einzelpersonen, Unternehmen und Behörden. Wir danken Friedemann Wiese für seine Zeit und hoffen, ihn bald wieder im JTC begrüßen zu dürfen.
Link zur Projektseite Graduiertenprogramm „Krise und sozioökologische Transformation”: Graduiertenkolleg Krise und sozial-ökologische Transformation
Link zur Projektseite JTC Team A7: Team A7 Transregionale Just Transition Governance | European Center of Just Transition Research and Impact-Driven Transfer