Orte: Kulturkirche Greppin und Chemiepark Bitterfeld-Wolfen
Unbeeindruckt von Reden und Schreiben liegt die „Bitterfelder Blase“ in monströser Unruhe unter Stadt und Chemiepark. Ein umgestülptes, unterirdisches Monument. Eine sogenannte Ewigkeitslast und eine Aufgabe für Generationen. Nur ununterbrochenes Pumpen und Filtern verhindert die Ausbreitung ihrer Gifte. Was genau ist die „Bitterfelder Blase“, wie lässt sie sich verstehen? Und was wäre, wenn man die Fürsorgearbeit der Pumpen und ihrer Wächter als Vorbilder für eine neue Art der Industriekulturpflege nähme?
Unsere Aktion begann mit einer Präsentation in der Kulturkirche Greppin. Wir zeigten und erläuterten die zentral über den Köpfen der Besucher*innen in der Vierung des Kirchenschiffs platzierte Projektion „Bitterfelder Blase“ der Künstlerin und Burg Giebichenstein-Absolventin Thea Kleinhempel. Trotz des kühlen regnerischen Wetters waren erfreulich viele Interessierte erschienen – um die 80 Personen – darunter viele Greppinerinnen und Greppiner und auch Christian Dorausch, Projektleiter bei der MDSE (Mitteldeutsche Sanierungs- und Entsorgungsgesllschaft), des Unternehmens, das für das Altlasten-Management zuständig ist, und Evelyn Schaffranka, stellvertretende Geschäftsführerin und Projektleiterin bei der Landesanstalt für Altlastenfreistellung Sachsen-Anhalt (LAF), der Behörde, die diese Vorgänge verantwortet und die finanziellen Mittel bereitstellt. Zwischenzeitlich erwies uns auch Thies Schröder, Geschäftsführer von Ferropolis und einer der Koordinatoren des Netzwerks Industriekultur, die Ehre und richtete spontan ein paar Worte ans Publikum. Wir waren etwas nervös, wie die Profis die von uns für diese Veranstaltung in Auftrag gegebene künstlerische Darstellung und unseren Zugang finden würden.
Hintergrund und Motivation war unsere Frage, was es heißen könnte, eine Altlast als industriekulturelles Monument aufzufassen. Welcher Art von „Denkmalpflege“ bedürfte sie? Da der chemisch kontaminierte Grund bis auf weiteres nicht beseitigt, die Umwelt von der Altlast nicht endgültig „freigestellt“ werden kann, wie es im Behördendeutsch heißt, pumpen Pumpen unablässig und hindern das sie durchfließende Grundwasser daran, seine chemische Fracht in das angrenzende Flusssystem der Mulde zu transportieren. Wir verstehen die Arbeit der Pumpenwärter*innen der MDSE, die den Brunnenriegel kontinuierlich überwachen und in Schuss halten, als paradigmatische Fürsorgetätigkeit, wie sie das Leben auf einem beschädigten Planeten erfordert. Anders als bisherige „fachfremde“ Auseinandersetzungen mit der Altlast, denen es darum ging, deren Vorhandensein und Dimensionen zu skandalisieren, wollten wir einen konstruktiven Blick werfen und die Bedeutung dieser Überwachungs- und Fürsorge-Arbeit in den Vordergrund stellen.
Wie aber kann man etwas als Monument begreifen, das in hohem Maße dynamisch ist und keine konsistente Form hat? Am Anfang unserer Assoziationskette, mit der wir Thea Kleinhempel für das Projekt interessierten, war das Bild, dass es sich bei der Blase um eine Art umgestülpte Buckminster Fuller-Kuppel handelt. Sie ist nicht, wie der berühmte Entwurf „Dome over Manhattan“ von 1959, als eine utopische transparente Architektur über der Stadt errichtet, sondern spannt sich – als ein ins Dystopische verkehrtes Negativ – unter Stadt und Chemiepark auf.
Des Weiteren ist es von zentraler Wichtigkeit zu verstehen, dass auch die Pumpen Teil des Monuments sind. Ohne sie wären nicht nur die angrenzenden Ökosysteme aufgrund der zum Teil extrem hohen toxischen Konzentrationen im Boden dem Tode geweiht. Ohne die vielen Sonden und Pumpen und das durch sie und menschliche Analysetätigkeit akkumulierte Wissen wäre die „Bitterfelder Blase“ als solche gar nicht beschreibbar – oder künstlerisch darstellbar. Vielleicht gibt es keinen vergleichbaren Verschmutzungsort auf der gesamten Welt, dessen Zusammensetzung, räumliche Verteilung und Konsistenz so genau bekannt ist. Es handelt sich hier, so eine weiter reichende Überlegung, um die besonders extreme Manifestation eines für die industrielle Moderne typischen, verhängnisvollen Wissenszusammenhangs: Gerade in den zerstörerischsten Unternehmungen – in Ölexploration und Kohlebergbau, in extraktivistischen Unternehmungen aller Art, in massiven Umweltbeschädigungen, wie Öltankerhavarien, Reaktorkatastrophen, Chemieunfällen, und der Analyse ihrer Folgen – sammelt sie das meiste Wissen über erdgeschichtliche und erdsystemische, über geo-bio-chemische Zusammenhänge.
Unsere Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet. Die Blasen-Animation kam sehr gut an. Die Kolleg*innen von MDSE und LAF begleiteten uns noch auf die etwa dreistündige Wanderung durch die überraschend vielfältige Landschaft des Chemieparks entlang des Brunnenriegels von Greppin bis nach Wolfen. Sehr zur Freude der mitlaufenden Einheimischen, die viele Fragen an die Expert*innen richteten. Wir hatten zu dem Fußmarsch eingeladen, um gemeinsam eine Vorstellung von der Dichte und räumlichen Verteilung des Gefüges aus Boden, Wasser, Chemikalien, Sonden, Pumpen und den sie bedienenden Menschen zu gewinnen, das die „Bitterfelder Blase“ konstituiert, und um diese Vorstellung in einer physischen Erfahrung zu verankern.
Hinter der Fuhneaue, wo gerade zwei neue Brunnen errichtet wurden, um eine besonders hochkonzentrierte Altlastblase abzufangen, die sich wie ein Meteorit in Zeitlupengeschwindigkeit auf einem abweichenden Kurs aus dem gemanagten Altlastenterritorium befindet, am Ortsrand von Wolfen endete unsere Aktion.
Wir danken dem Team der Kulturkirche Greppin für die professionelle Realisierung der Videoinstallation und für die tolle Unterstützung.