Landschaften aus/mit/für Landschaft
Wenn Pigmente wie Siena-Umbra, Gamboge-Gelb und Tyrianisches Purpur die Geschichte der Regionen erzählen, aus denen diese Farben stammen, welche Geschichte erzählt dann die Bergbaufolgelandschaft von Sachsen-Anhalt? Versuch eines künstlerischen Dialogs mit Farbpigmenten aus der Bergbaufolgelandschaft.

Kann ein Kunstwerk zu einem Mittel werden, um neue und kreative Formen des Dialogs über die Region anzustoßen? Ein Versuch mit aus der Region gewonnenen Farbpigmenten.

Über weite Teile der Menschheitsgeschichte hinweg haben Menschen bestimmte Farben mit Landschaften in Verbindung gebracht. Wenn Pigmente wie Siena-Umbra, Gamboge-Gelb und Tyrianisches Purpur die Geschichte der Regionen erzählen, aus denen diese Farben stammen, welche Geschichte erzählt dann die Bergbaufolgelandschaft von Sachsen-Anhalt? Könnte ein Kunstwerk zu einem Mittel werden, um neue und kreative Formen des Dialogs über die Region anzustoßen? Und schließlich: Kann die Natur der künstlerischen Medien selbst Einfluss darauf nehmen, wie Menschen die Zusammenhänge zwischen technologischen, materiellen und sozialen Prozessen verstehen? Eine Reihe von Gemälden, die der Künstler und visuelle Anthropologe Dr. Gregory Gan im mitteldeutschen Bergbaugebiet im Jahr 2026 geschaffen hat, hat nun begonnen genau diese Art von Gesprächen anzustoßen, den Dialog über eine Landschaft im Wandel zu fördern und einen nachhaltigen Eindruck in der Region hervorzurufen.

Vier großformatige monochrome Gemälde wirken wie einfache Darstellungen von Industrie- und Stadtlandschaften; sie entstanden jedoch gemeinsam mit Partnern aus Industrie und Forschung mithilfe eines innovativen Verfahrens, bei dem die Materialien der Landschaft selbst zur Herstellung von Aquarellpigmenten verwendet wurden.

Vortrag auf der Konferenz „Postfossile Zukünfte"

Braunkohle aus dem Bergwerk der ROMONTA Umwelt- und Recyclingzentrum GmbH wurde zu Farbe verarbeitet und zur Herstellung des Gemäldes „Amsdorf“ verwendet.

Goethit und Hämatit aus den Böden der Bergbaufolgeregion Lausitz wurden für das Gemälde „Lausitzer Seenland“ verwendet.

Rohstoffe holen uns auf den Boden der Tatsachen zurück, werfen dabei jedoch komplexe Fragen darüber auf, was als „natürlich“ bezeichnet werden kann und was durch menschliche Innovation verändert wird. Diese Fragen wurden sowohl während der Forschungsarbeit als auch bei der Verbreitung der Forschungsergebnisse unmittelbar aufgeworfen.

Für das dritte Bild in der Reihe – „HaNeu“ – wurde Beton zu Pigment verarbeitet, der von der Baustelle in Halle-Neustadt gewonnen wurde. Die ehemaligen DDR-Plattenbauten werden gerade zu einem modernen Gebäudekomplex umgebaut.

Für das vierte Gemälde – „Leuna“ – wurde eng mit UPM Biochemicals im Chemiepark Leuna zusammengearbeitet. Die Basis für die Farbe bildet hier das aus Buchenholz gewonnene RFF (Renewable Functional Filler).

Transferaktivitäten während der Forschungsplanung

Bei jedem der vier Gemälde fanden Transferaktivitäten statt, die mit der ersten Planung und den Ortsbesichtigungen begannen und mit vielfältigen Forschungsergebnissen endeten. Der Planungsprozess für das Gemälde „Amsdorf“ umfasste die Zusammenarbeit mit JTC-Revierscout Thomas Ernst, der die erforderlichen Genehmigungen einholte und die Verbindung zwischen der Romonta-Geschäftsführung und den Mitarbeitern einerseits sowie dem Forscher und einem Kunstfotografen andererseits herstellte. Ein Ortstermin ermöglichte es dem Fotografen, ein neuartiges fotografisches Verfahren zu entwickeln, bei dem Kohlepigmente zur Herstellung großformatiger Fotodrucke verwendet wurden. Außerdem konnte Dr. Gregory Gan in Zusammenarbeit mit dem Bodenkundler Dr. Mathias Stein (JTC-Team B1) eine aus Braunkohle gewonnene Farbe herstellen, die zur Schaffung eines großformatigen Gemäldes auf der Grundlage vor Ort angefertigter Skizzen verwendet wurde.

Das Pigment aus der Lausitzer Seenlandschaft wurde ebenfalls in den Laboren von Mathias Stein hergestellt, dessen Forschungsteam unter anderem Möglichkeiten zur Bodensanierung in der Bergbaufolgelandschaft Lausitzer Revier untersucht. Das Gemälde „Halle-Neustadt“ basiert auf Dr. Gregory Gans eigener Feldforschungserfahrung bei der Erforschung von Postmigration in postsozialistischen städtischen Kontexten. Es wurde unter Verwendung von Betonpigmenten geschaffen, die von einer Baustelle in Halle-Neustadt gewonnen wurden.

Die Planung des Ortsbesuchs in Leuna begann bereits ein Jahr zuvor, als das JTC-Innovationsteam „Chemie im Wandel“ (A1) einen Besuch der Chemiewerke organisierte. Die Entstehung des Gemäldes „Leuna“ wurde mit Revierscout Dr. Conny Deimer koordiniert und von Prof. Dr. Gerd Unkelbach, dem Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung bei UPM Biochemicals, kuratiert. Über den Verlauf mehrerer Besuche im Chemiepark entstanden Fotos und Skizzen und es wurden Materialien aus der Landschaft gesammelt. Für die Pigmentherstellung wurde von Prof. Unkelbach eine Probe von RFF zur Verfügung gestellt. Es handelt sich dabei um einen Stoff, der bei der Verarbeitung des von UPM verwendeten Buchenholzes anfällt und von der Firma u.a. als UV-Schutzbeschichtung verwendet wird.

Die vier Gemälde der Serie entstanden in Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteuren, darunter Partner aus der Wirtschaft, Forschungskollegen und Mitglieder der Öffentlichkeit. Die vier Gemälde wurden im Juni 2026 fertiggestellt, haben jedoch bereits diverse Wirkung in der Region entfaltet, da sie in verschiedene Ecken Deutschlands gelangten, zwischendurch sogar in Brüssel ausgestellt und bei verschiedenen Anlässen gezeigt wurden.

Verbreitung der Forschungsergebnisse

Die fertigen Gemälde haben die Debatte über die Landschaft Sachsen-Anhalts maßgeblich geprägt. Anfang Juni 2026 reisten die vier Gemälde nach Brüssel, wo sie im Rahmen des Sommerempfangs der Landesvertretung Sachsen-Anhalts bei der Europäischen Kommission präsentiert wurden. Bei der Veranstaltung begrüßte Ursula von der Leyen, die Präsidentin der Europäischen Kommission, die Vertreter mit den Worten: „Sachsen-Anhalt ist entscheidend für unsere europäische Unabhängigkeit. Wir brauchen euch hier bei uns in Europa.“ Diese Eröffnungsveranstaltung gab den Ton für die spätere Ausstellung der Gemälde vor und hob ökologische Ästhetik und demokratische Inklusion hervor, die zu Symbolen einer Landschaft im Wandel geworden sind.

Das Gemälde Amsdorf wurde für das Programm „Früher oder Später“ des Werkleitz-Festivals 2026 ausgewählt und unterstreicht mit seiner Betonung der tiefen, geologischen Zeit das Thema des Festivals. Es wurde zudem für den Bildwettbewerb der Martin-Luther-Universität ausgewählt, wo es unter mehreren Dutzend Mitbewerbern in der Publikumsabstimmung den ersten Preis gewann. Gregory Gan präsentierte das Gemälde anschließend im Rahmen eines „Science Pitch“ unter dem Kuppeldach des Planetariums in Halle. Das Gemälde wurde nun beim Bildwettbewerb der renommierten Fachzeitschrift „Current Anthropology“ eingereicht und wird im Erfolgsfall als Titelbild für alle Ausgaben des Jahres 2027 dienen. Anschließend präsentierte der Forscher das Gemälde im Rahmen eines „Science Pitch“ unter dem Kuppeldach des Planetariums in Halle.

Lausitz, das eine Bergbaufolgelandschaft zeigt, wurde zur Illustration des Panels „Real Existing Degrowth“ auf der Pollen2026 verwendet, der Jahreskonferenz des Political Ecology Network in Barcelona, Spanien. Es wurde nun als Druck reproduziert, damit das Team von Mathias Stein es zur Förderung seiner Transferaktivitäten nutzen kann, insbesondere bei der Öffentlichkeitsarbeit in der Region.

Eine Reproduktion von Leuna wurde als Kunstdruck angefertigt, gerahmt und Prof. Dr. Gerd Unkelbach als Geste des Danks nach seinem Key Note-Vortrag auf der Veranstaltung „JTC trifft Region: Saalekreis“ (15.10.2026 in Leuna) überreicht.

HaNeu steht für den Stadtteil Halle-Neustadt in Halle (Saale), der gemeinhin als Ort zunehmender ethnischer und sozialer Segregation gilt. Gregory Gans Forschung hat jedoch gezeigt, dass zwar in der Medienberichterstattung Vorurteile über das Viertel kursieren, die Bewohner jedoch eine große Verbundenheit mit ihren Nachbarn zeigen. Das Gemälde zielt daher darauf ab, eine alternative Sichtweise auf den Stadtteil zu schaffen und eine neue Perspektive auf das Zusammengehörigkeitsgefühl unter Nachbarn zu ermöglichen. Das Gemälde wurde nun als Illustration für das Buch „Halle-Neustadt nach 89/90. Prisma der Transformation in Ostdeutschland“ ausgewählt, das noch in diesem Jahr erscheinen soll.

 

Alle vier Gemälde wurden im Sommer 2026 im Rahmen der öffentlichen Veranstaltung „JTC trifft Region: Halle (Saale)“ im Saline-Museum ausgestellt und als Illustrationen an der gemeinsam mit Dr. Alexander Klose organisierten „Utopieberatungsstelle“ präsentiert. Des Weiteren wurden die Gemälde kürzlich im Rahmen eines vom Institut für Strukturwandel und Nachhaltigkeit (HALIS) organisierten „Revier-Trialogs“ in den Mittelpunkt gestellt – einer Veranstaltung, bei der Akteure des Strukturwandels aus Sachsen-Anhalt eingeladen waren, alternative Pfade des Wandels zu erforschen. Dr. Gan nutzte die Gemälde als Veranschaulichung dafür, wie Materialien zeitgenössische Darstellungen von Sachsen-Anhalt prägen, und lud die Workshop-Teilnehmer ein, gemeinsam mit den Pigmenten zu malen, die aus der Landschaft kommen und sich dabei die Landschaft und den Raum des Wandels zu erarbeiten. Also eine Gestaltung des Strukturwandels auf dem Papier, als Vor- und Begleitarbeit zur aktiven Gestaltung der tatsächlichen Strukturwandelräume.

Im November werden die Gemälde erneut zu sehen sein: auf der Strukturwandeltagung SWT26 (16.-17.11.2026), die das JTC gemeinsam mit dem BBSR Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) durchführt. Mittlerweile wurden die Originalgemälde mit nachhaltigen Materialien von „Frameworks“, einem nachhaltigen Rahmenhandel, gerahmt und vom Forscher selbst montiert. Sie sind derzeit in den Räumen des LegalTech Lab des Just Transition Center in der Großen Steinstraße 79/80 in Halle öffentlich ausgestellt und können im Rahmen der Öffnungszeiten (i.d.R. 8-16 Uhr), während Veranstaltungen oder nach Absprache besichtigt werden.

Team

Dr. Gregory Gan

Wissenschaftlicher Mitarbeiter
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